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Der 11. September 1944
 
Ein sonniger Herbst-Montag. Der zweite Weltkrieg - fünf Jahre und zehn Tage alt - war militärisch längst verloren. Aber er ging weiter. Deutschlands bedingungslose Kapitulation war das Kriegsziel der Aliierten geworden. Die Nacht zum Sonntag hatten die Darmstädter in ihren Trainingsanzügen, den Koffer am Bett, ruhig durchschlafen dürfen. Mittags ein kurzer Alarm, zum Sonntags-Kaffee öffentliche Luftwarnung; wieder eine ungewohnt ruhige Nacht. Am 11. September waren die Amerikaner fast den ganzen Tag über dem west- und südwestdeutschen Raum. Mit ihrem starken Jagdschutz (die deutsche Luftwaffe war nahezu ausgeschaltet) fühlten sie sich über Deutschland inzwischen wie zu Hause bei ihrer Tagschicht. Nachts waren - seit die Invasions-Armeen in der Normandie festen Fuss gefasst hatten - wieder die Engländer mit ihren Tausend-Bomber-Angriffen am Himmel.

Die Darmstädter glaubten nicht daran, dass es sie "total" erwischen sollte, in diesen Tagen des totalen Krieges. Es gab eine weitverbreitete, durch nichts bergründete Zuversicht - die englische Verwandschaft des grossherzoglichen Hauses. Darmstadt hatte schon genug abbekommen: Auslöschen, so dachte man, werden die uns nicht.
"Wiesbaden und Darmstadt werden wir schonen, denn dort wollen wir später wohnen", hiess eine der begierig aufgenommenen Latrinen-Parolen jener Zeit. Von Heidelberg erzählte man sich Ähnliches - mit Recht, wie sich herausgestellt hat.

Die Luftkriegsvorbereitungen sahen zudem ganz danach aus, als halte auch die Führung der deutschen Zivil-Verteidigung Darmstadt nicht für ein lohnendes Ziel. Es blieb Luftschutzort zweiter Klasse. Die Schutzmassnahmen waren also Sache der Stadt, nicht des Reiches, wie bei den Luftschutzorten erster Klasse. Man hatte recht viele Löschteiche gebaut (auf fast jedem grösseren Platz); es gab öffentliche Schutzräume in Brauerei- und Felskellern oder anderen tiefen Gewölben; Splittergräben und Beton-Deckungen an den Bahnhöfen; die private Vorsorge in verstreiften, nach aussen abgeschirmten Eckkellern mit Notausstieg und Mauerdurchbruch zum Nachbarn. Grossbunker für die Bervölkerung gab es nicht. Als Hilfsdienste standen bereit 150 Mann Feuerwehr, die Einsatzgruppen des Luftschutzes, des Roten Kreuzes, der technischen Nothilfe und der Polizei. Das hatte bisher - Bomben- und Minen-Volltreffer ausgenommen - einigermassen ausgereicht.
Darmstadt glaubte bis zum 11. September 1944 um 23:25 Uhr nicht, dass es das Schicksal anderer Großstädte teilen müsse, das es als schauriger Probefall für die schlimmste aller Städteverbrennungen, für Dresden, ausersehen war.

Doch Darmstadt stand auf der Liste der Royal-Air-Force, aus der Bomberchef Sir Arthur Harris die Ziele für seine Strategie des "moral-bombing" wählte, für das Zerbomben des zivilen Widerstandswillens. Darmstadt bot sich für eine neue Taktik, von der Vizemarschall Sir Ralf Cochrane das perfekte Ausbrennen grosser Städte erwartete, als Übungsziel geradezu an: Eine Stadt mit dichtem, Jahrhunderte altem Kern, der wie Zunder brennen würde, ohne die ganze Brandbomben-Last seiner V. Luftflotte zu verbrauchen; respektable Industriewerke, eine technische Hochschule, in der man Entwicklungsarbeit an den Steuergeräten der deutschen V-Waffen vermutete. Und dazu: Die Engländer wussten, dass Flak-Batterien am Stadtrand abgezogen worden waren.









Die Nacht
 
Die Luftlage über dem deutschen Reichsgebiet ist in der Nacht des 11. September 1944 bis etwa 22:30 Uhr unklar.
Britische Bomberverbände sind im deutschen Ostseeküsten-raum und in Brandenburg eingeflogen. Wieder einmal Berlin? Da wird - über der Eifel - die V. Bomberflotte der Royal-Air-Force als Gefahr dieser Nacht entdeckt. Der Reichs-Sender Frankfurt bricht sein Programm ab. Aus den Volks-empfängern tickt der Drahtfunk-Wecker. Man hat sich an seine unheimliche Monotonie gewöhnt: Solange die nichts sagen...

Der Bomberverband marschiert in drei Säulen nach Südsüdost; ein Pulk auf Oppenheim, einer auf Mannheim zu, der dritte folgt. Vor Mannheim drehen die Lancaster-Bomber auf Südosten ab. Dann gehen sie plötzlich auch Nordkurs.
Richtung Darmstadt. Alarm! Es ist 23:25 Uhr. Das rasche Auf- und Abschwellen des Sirenentons, der einem in den Magen geht. Der Drahfunkwecker setzt aus. Höchste Gefahrenstufe für Darmstadt. "Luftschutzmässiges Verhalten" ist unbedingt erforderlich.

Im Befehlsbunker der Hilfsdienste nimmt der Feuerschutz-polizeimajor Max Jost die letze Meldung entgegen, die zur Zentrale durchkommt: "Leuchtbomben im Westen!", berichtet der Friseur Emil Thier von seinem Beobachtungs-Stand im Hochzeitsturm. Als die Darmstädter die "Leuchtbomben-Christbäume" im Westen an ihren Fallschirmen herunterpendeln sehen, wissen sie: "Wir sind dran."
Der Exerzierplatz flammt taghell rot und grün auf, der Ostbahnhof ist in grünes Licht getaucht, dann in gelbes. Das Opfer Darmstadt ist quasi fachmännisch für den Todesstoß präpariert. Hoch über der Arena zieht der Masterbomber seine Kreise. Zehn Minuten nach Alarm weist er die ersten Staffeln Vier-Motoriger ein. Der "Fächer" öffnet sich mit ohrenbetäubendem Brummen. Sekunden später bebt die Erde unter den ersten Schägen. Es ist 23:35 Uhr.

30 Minuten dröhnt der Tod über die Stadt. Aus 7000 Meter Höhe torkeln die Luftminen und Sprengbomben mit lautem Heulen herunter, rauschen die Phosphor-Kanister, klackern Wolken von Stabbrand-Bomben. Zweimotorige Mosquitos stürzen sich auf Industrieziele am Rande der Innenstadt und donnern dann im Tiefflug über die Dächer. Wütend bellt leichte Flak dagegen an.

In den Kellern schleudert es die Menschen durcheinander. Sie ducken sich unter dem Hagel der zahllosen Schläge; wimmernd, Todesangst in den aufgerissenen Augen. Schreie, Gebete oder stummes, erstarrtes Warten auf das Ende. Nach den ersten Einschlägen ist das elektrische Licht ausgefallen. Eiserne Schutztüren platzen auf, Holzstreben splittern, Kellerdurchbrüche rutschen zusammen. Druck, Staub und Gestank würgen den Atem ab. Decken reissen, der Boden schwankt. Mütter ziehen die Köpfe ihrer Kinder in den Schoß und beugen sich schützend über sie. Männer weinen lautlos. Fremde halten sich aneinander fest. Und da ist inmitten der Verzweiflung, der Selbstaufgabe und der beginnenden Panik plötzlich überall auch das Geschenk der Tapferkeit, die einen Mann oder eine Frau in der Todesangst ruhig werden lässt; der Mut der Wehrlosen, der Ermunterung und grimmigen Trost eingibt und durchhalten hilft.
Dreissig Minuten lang regnet es Feuer vom Himmel, schlagen die Bomben in einer vorher nicht erlebten Dichte ein. Dreissig Ewigkeiten lang.


Kurz nach Mitternacht verstummt das Dröhnen. Wo die Minen und Bomben nicht voll getroffen haben und überall an den Randbezirken der Innenstadt tasten sich die ersten Männer und Frauen aus den Kellern und versuchen, Dachbrände mit Sand und Wasser zu löschen.
Detonationen vom Westen her jagen sie zurück: Sie kommen wieder! In den von Rauch und Staub verpesteten Kellern hören sie eine Serie von Explosionen. Man wagt sich nicht aus der trügerischen Sicherheit. Draussen prasseln die Brände, bersten die Fensterscheiben, sacken Dächer ein. In den Kellern wird es von Minute zu Minute heisser, das Atmen hinter feuchten Tüchern ist eine Qual; alte Menschen sinken ohnmächtig zusammen, Kinder jammern. In denen, die eben noch davongekommen zu sein glaubten, wächste eine neue, schrecklichere Angst. Warten, Hoffen, dass es endlich vorbei sein möchte.
Immernoch das merkwürdig helle Explosions-Geräusch - aber kein Laut von Bombern in der Luft. Ein Munitions-Zug brennt auf dem Abstellgleis vor dem Verpflegungslager 1200 Meter südlich des Hauptbahnhofs. Berstende Granaten halten Zehntausende geschundener, zu Tode geängstigter Darmstädter in ihren glühend-heissen Kellern fest. Tausende wird diese tragische Täuschung umbringen. An der Exerzierplatzecke Rheinstrasse/Hindenburgstrasse hat es eine Munitions-Kolonne erwischt. Aus den brennenden Wagen fetzen Explosionen. Flüchtende werden getötet, die Verwirrung ist vollkommen.

Das gibt dem Feuer Zeit, sich unüberwindlich zu machen. Ströme von Phosphor haben die Stadt an allen Ecken und Enden angesteckt. Jetzt wachsen die Brände aufeinander zu, fressen sich weiter und erfassen weite Flächen. Es ist gegen ein Uhr. Da entwickelt sich, was die Spezialisten der Vernichtung vorausberechnet hatten. Die Flammensäulen brennender Strassenzeilen, dann ganzer Viertel, dann ganzer Stadtteile schleudern heisse Glut kilometerhoch in den rauchschwarzen, verpesteten Himmel. Kalte Luft strömt von allen Seiten her zu, wird immer schneller angesaugt. Ein Hitzekamin baut sich über der Stadt, der Feuersturm bricht los, rauscht, prasselt, orgelt alles mit verzehrender, saugender Kraft.
In den Dörfern am Rhein wird gegen Morgen die Asche niedergehen; ganze Buchblätter sind darunter.

Die Stadt ist um 1:30 Uhr nachts taghell; ein brüllender Scheiterhaufen, der den Himmel rot macht und dem niemand entgehen kann, der jetzt noch in den engen Strassen und unter Schutt gefangen ist.
In den Kellern drohen die Menschen zu ersticken. Die Hitzestrahlung wird unerträglich. Treppenhäuser brennen, in Nebenkellern fangen die Wintervorräte Feuer. Die Angst der letzten Stunden war zuviel. Apathie nimmt vielen die Kraft zum Ausbruch. Gewaltsam reissen beherzte Männer und Frauen Mauerdurchbrüche durch ganze Häuser-Reihen auf - oft der einzige und, wie sich später herausstellt, der wirkungsvollste der vorbereiteten Rettungswege. Notaustiege werden freigeräumt; was lebt, wird aus der tödlichen Sicherheit der "Schutzräume" gezerrt und geschoben, in denen es keine Chance auf ein Davonkommen mehr gibt. Draussen tobt das Inferno.
Kommt denn keine Hilfe? Was die Menschen in ihren Kellern nicht wissen: Die ganze Stadt brennt - und sie ist abgeschnitten. Die Hilfdienste sind zusammengebrochen. Es gibt in Darmstadt keinen Helfer mehr, der nicht selbst Hilfe brauchte. Im bombensichern Befehlsbunker unter dem Polizeipräsidium in der Hügelstrasse 31 bis 33, von wo aus die Feuerwehr, der Luftschutz, das Rote Kreuz, die Technische Nothilfe, die Einsatzgruppen der Stadtwerke und der HEAG sowie die Sicherheitskräft zentral gesteuert werden, ist durch einen Aussentreffer die gesamte Draht-Verbindung ausgefallen.
Die 13 Löschzüge der Berufsfeuerwehr (150 Mann mit ihren Dienst-Verpflichteten) sind mit sich selbst und der Rettung ihrer Fahrzeuge beschäftigt. Die Feuerwache hinter der Stadtkirche brennt. Die Hilfsdienstgruppen und die Löschzüge im Schloss, in der Magdalenenstrasse, der Bessunger Knabenschule, der Diesterwegschule und die Luftschutz- stellen bei den Polizeirevieren warten vergeblich auf Einsatzbefehle. Schliesslich packen sie zu, wo sie gerade stehen. Überall ist höchste Not.

Als sich die Einsatzleiter in der Hügelstrasse durch den geschützten Ausschlupf ihres Bunkers aus den Trümmern freigekämpft haben, tobt in der Stadt der entfesselte Feuersturm. Es gibt keine Helfer mehr. Auch die Ausweich-Befehlsstelle im Richthofen-Bunker an der unteren Rheinstrasse hat keine Nachrichtenverbindung: auch der vorbereitete Lotsendienst, der erwartete Hilfe von aussen in die Stadt schleusen sollte, ist zerstorben.
Zwischen ein und vier Uhr in dieser Nacht stirbt die Stadt in dem brüllenden Feuer, das alles an sich saugt - auch Menschen.

Was an Rettungsdiensten in dieser funken-sprühenden Hölle noch existiert, schleudert mit dem Mut hoffnungsloser Verzweiflung Wasser aus den Löschteichen gegen die Feuerwand, solange das Benzin für die Pumpen reicht. Hydranten, die noch nicht verschüttet sind, versiegen bald - eine Hauptleitung vom Wasserwerk her ist in der Rheinstrasse durch einen Volltreffer aufgerissen worden.

An der Autobahn haben sich zwischen zwei und drei Uhr Feuerwehren und Hilfs-Trupps aus dem gesamten Raum zwischen Mannheim, Frankfurt und Mainz versammelt. Bis zu 3000 Mann mit 220 Motor-Spritzen sollen es ca. 6 Uhr morgens gewesen sein. Auf Einsatzbefehle wartend, mussten sie zusehen, wie die Stadt unterging. Ein Vordringen in das Zentrum des Flammen-Orkans war unmöglich. So tun sie jetzt am Rande des feurigen Kreises, was möglich ist. Die Freiwilligen Wehren aus Eberstadt und Arheilgen und die Einsatzgruppen aus dem vorderen Odenwald versuchen trotzdem immer wieder, vom Nordviertel, von Bessungen und vom Tierbrunnen her durchzubrechen.
Bis zum Luisenplatz kommt keiner in dieser Stunde. So retten sie, was zu retten ist. Mancher der Entkommenden, der sich wieder in den Feuerkreis stürzt, wird nicht mehr gesehen.











In den engen Innenstadt-Strassen brennt der Asphalt. Die zu spät unter nassen, rasch wieder zunder-trockenen Decken aus ihren Kellern gekrochenen Menschen ereilt zu Tausenden der Tod. In zielloser Panik rennen viele geradewegs in ihr Verderben. Niemand hat ihnen gesagt, wohin sie in der äussersten Not fliehen müssen, nirgendwo sind Fluchtwege markiert; aus dem Sterben der grossen Städte hat man nicht rechtzeitig die Lehren gezogen und verbreitet. So taumeln die Erschöpften in die Glut, fangen Feuer, ersticken im Rauch aus Mangel an Sauerstoff oder werden in die Flammen gesogen. Wer hinfällt, wer die Kette der Hände loslässt, wer sich von seinen Koffern nicht trennen kann, der ist verloren. Hunderte zerglühen zu Asche. Man wird nichts mehr von ihnen finden. Hunderte bleiben im Asphalt stecken, verbrennen, werden mumifiziert. Hunderte werden von stürzenden Mauern, Treppenhäusern und Torbögen erschlagen. Der gemeinsame Durchbruch glückt kaum einer Familie. Vergiftet vom Rauch, verbrannt von der Hitzestrahlung, ausgelaugt von der Angst, zu Tode erschöpft brechen die Durchgekommenen in den Parks und auf den freien Plätzen zusammen. Manche von ihnen wird ihr Schicksal später im Krankenhaus ereilen. Hinter Parkmauern, in Brunnen und Gartenecken dämmert, wer von den Eingeschlossenen noch lebt, dem Morgengrauen entgegen.

Am Rande der Innenstadt, in breiteren Strassenzeilen, die schon gerettet schienen, hat das Feuer inzwischen von den Ecken her Haus um Haus gefressen. Es hat überall Eingang gefunden; über die aufgerissenen Dächer, durch heraus-gesogene Fenster und Türen. Wo Zeit geblieben ist, etwas herauszuholen (oft wurden die absonderlichsten Dinge gegriffen), stehen die Menschen jetzt inmitten von Hausrat auf der Strasse und schauen zu, wie ein Zimmer nach dem anderen ausbrennt. Eines hilft, die Verzweiflung zu ertragen:
Es ist das Schicksal aller!

Vier Uhr. Die Macht des Feuers ist gebrochen; es flackert noch an letzten brennbaren Resten. Die Keller glühen. Die Feldlager in den schwarz versengten Parks und auf den grossen Plätzen erleben schaurige Szenen des Leids und des Schmerzes, sie erleben aber auch viel aufopfernde Hilfe. Von aussen sind Rettungsgruppen in das Chaos eingedrungen. Ärzte, Schwestern, Rot-Kreuz-Helfer versorgen Brandwunden und lindern den unerträglichen Schmerz hinter den Augenlidern. Manchmal findet sich sogar ein Lager für eine Mutter und ihr Kind in einem, vom Minendruck durchgeblasenen Haus, das der Brand nicht hatte erfassen können.

Der Tag kommt mit einem schwarzen, rauchstinkenden Himmel über den leeren Mauerschalen eingebrochener Häuser. Die Kellerdecken haben meist standgehalten. Was unter ihnen war, ist zu Asche zerglüht oder in Klumpen geschmolzen.
Der Innenstadt sind nur eine Handvoll Dächer geblieben. Über allem, das unversehrte Gefängnis - Absicht, ein Wunder, genug Hände zum Löschen? Die "Krone" ist erhalten und die Metzgerei nebenan; und daneben das Molkereiwarengeschäft. Aber letzteres wird Tage später von selbst angehen und abbrennen. Am Woog und in der Soderstrasse stehen auch noch ein paar Häuser, und hinter dem ausgebrannten Finanzamt am Messplatz blieb der backstein-rote Postblock übrig - sonst ist Darmstadt ein verkohltes, rauchendes Schlachtfeld. Von der Hindenburgstrasse bis zur Heidenreichstrasse, vom Prinz-Emil-Garten bis zum Herrengarten das gleiche Bild. Das äussere Bessungen, Teile des Johannes-Viertels und des Martins-Viertels sind ein wenig besser davongekommen.
Die Geretteten reisst es hoch: Zurück. Suchen.

Am Morgen des 12. September ist ein erster Überblick möglich; eine schaurige Bilanz. Die Beschöniger, Durchhalter und Endsieger gehen an ihr immer schwieriger werdendes Werk, während die Bergungs-Trupps von ausserhalb ihre grausige Arbeit beginnen - bis zu 5000 Mann sind es zeitweise - und gefangene Russen auf dem Waldfriedhof das Massengrab auszuheben beginnen. Chlorkalk wird angeliefert. Im Laufe des Tages etablieren sich erste Versorgungs- und Verpflegungsstellen. Es gibt kein Wasser, kein Gas, kein Strom. Man verteilt Berge von belegten Broten. Brunnen werden geöffnet, Notkrankenhäuser eingerichtet. Leichen-sammelstellen markiert. Säle in den Vororten sind zu Massen-quartieren geworden.











Am Hauptbahnhof warten graue Truppen von Obdachlosen auf ihren Abtransport irgendwo hin - nur weg. Und überall in den Strassen tasten sich Überlebende unter dem reissenden Krachen einstürzender Häuserfronten ihren Fluchtweg zurück und mustern auf der Suche nach Angehörigen mit der Sachlichkeit des Erstarrten die furchtbare Ernte des Todes. Überall hängt ein ekelhaft-süsslicher Gestank in der Luft. Es wird berichtet von herzzereissenden Szenen des Wiedersehens, von tagelangem, vergeblichem Umherirren, von dem Augenblick der Gewissheit angesichts eines bizarr verkohlten Menschenleibs. Es wird berichtet von Waschbütten-Beerdigungen ganzer Familien, vom Warten vor ausglühenden Kellern, vom ersten Einrichten in der Gartenhütte, vom Auszug der Zehntausende aus ihrer tot-gebrannten Stadt.

Zurück bleiben Lattenkreuze auf den Trümmerhalden. Und an den Sandsteinbögen zusammengebrochener Torhallen berichten Kreide-Inschriften, diese einzigen Verständigungs-mittel der ersten Wochen, vom Tod und vom Leid auseinandergerissener Familien und vom Beginn einer oft jahrelangen Odyssee.









Dieser Bericht wurde im Jahr 1964
 geschrieben. Er stützt sich auf das verfügbare
amtliche Material aus deutschen und englischen Quellen,
vor allem aber auf Tagebuch-Notizen und Briefen, die
unmittelbar unter dem Eindruck der Zerstörung
Darmstadts von Augenzeugen verfasst worden sind.
Zeitungsberichte und Polizeiakten aus diesen Tagen
unterstützen mit statistischem Material den folgenden
Versuch einer sachlichen Darstellung der
Brandnacht vom 11. September 1944.















Die Toten




Die offizielle Darmstädter Statistik gibt als Opfer
 des Luftangriffs vom 11. September 1944 an:



Tote            : 6049
Verwundete : 3749
Vermisste    : 4501



Da die Vermissten in der Regel als tot gelten müssen, liegt die Zahl der polizeilich registrierten Todesopfer dieses Angriffs bei

10.551


Die Vernichtung ganzer Familien, nach denen nicht mehr geforscht werden konnte, die Anwesenheit von Urlaubern und durchreisenden Truppenverbänden, Verluste in der Garnision, unter Kriegsgefangenen, Zwangs-Verschleppten und Fremd-arbeitern lassen es als sicher gelten, dass die tatsächliche Zahl der Todesofer wesentlich höher liegt.



Hans Rumpf schätzt in dem Buch "Das war der Bombenkrieg" für Darmstadt

12.300 Tote




Die Zahl der Obdachlosen lag nach Angriff des 11. September bei 70.000. Darmstadt hatte Anfang September 1944 (mit den eingemeindeten Vororten Arheilgen, Eberstadt und dem ortsansässigen Militär) 115.211 Einwohner. Am 1. März 1945 empfingen in Darmstadt noch 51.750 Menschen Lebensmittel-karten.

Von 100 Todesopfern starben beim Ausbrennen der deutschen Großstädte durchschnittlich 15 durch Sprengbomben, 15 verbrannten, 70 erstickten. Auf 100 registrierte männliche Opfer kamen in Darmstadt 181 Frauen - das ist der höchste bekannte Prozentsatz in deutschen Großstädten.

Rund 20 % der Opfer waren Kinder unter 16 Jahren.













 







Quelle: Klaus Schmidt "Die Brandnacht"
(1964 Reba Verlag GmbH)